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Dzogchen

„Dzogchen" oder „die große Vollkommenheit" wird als die Essenz aller Schulen des tibetischen Buddhismus und als direkter Weg zur spirituellen Verwirklichung betrachtet. Es ist weder eine Weltanschauung noch eine Religion, sondern ein Weg des Erkennens des ursprünglichen Zustandes des Einzelnen, der nicht konditionierten Natur des Geistes, durch eigene direkte Erfahrung. Dieser Weg steht allen Menschen unabhängig von Religion, Nationalität oder Vorbildung offen.

Auch im Zusammenhang mit dem tibetischen Buddhismus und seinen unterschiedlichen Schulen ist Dzogchen ein schulübergreifender, auf praktische Meditation im täglichen Leben ausgerichteter Weg. Als solcher ist er durch keinen besonderen kulturellen oder historischen Zusammenhang begrenzt.

Der Dzogchen Meister Chögyal Namkhai Norbu gibt in seinen Retreats eine direkte Einführung in den ursprünglichen Zustand. Er lehrt in der Regel aus einer der drei Serien des Dzogchen Semde, Longde oder Upadesha, ohne den Stufenweg über Sutra und Tantra vorauszusetzen.

Die grundlegende Praxis im Dzogchen besteht darin, den ursprünglichen Zustand zu erkennen und darin zu verweilen. Dieses Wissen über sich selbst und seine eigene wahre Natur wird durch die verschiedenen Erfahrungen des alltäglichen Lebens vertieft. Aus diesem Grund sind die Dzogchen-Lehren für die Umsetzung in unserer modernen Gesellschaft bestens geeignet.
Chögyal Namkhai Norbu, Spiegel des Bewusstseins, Diederichs Verlag

Chögyal Namkhai Norbu zur Bedeutung von Übertragung

Übertragung bedeutet, dass ein Lehrer Wissen zuerst mündlich überträgt, dann mit Hilfe eines Symbols und schließlich in direkter Übertragung. Auf diese Weise erhalten wir eine bestimmte Übertragung. Wir haben die drei Aspekte unseres Daseins, Körper, Sprache und Geist, und die Übertragung entspricht diesen drei Aspekten. Die symbolische Übertragung bezieht sich mehr auf unser physisches Dasein, die mündliche Übertragung auf unsere Energie und die direkte Übertragung auf unseren Geist. Wir arbeiten also mit den Lehrern und die Lehrer arbeiten mit uns und geben uns Übertragung. Das bedeutet, erst dann sind wir mit der Übertragung verbunden. Selbst wenn man ohne Übertragung alles gelernt hat, viel gelesen und Ideen gesammelt hat, ist man immer noch nicht mit der Übertragung verbunden.

Wenn man eine Lampe anschalten will, wie macht man das? Man schließt sie an den elektrischen Strom an. Wenn die Lampe nicht an den Strom angeschlossen ist, gibt es kein Licht. So ist es auch mit der Übertragung; die Verbindung mit der Übertragung besteht von Anfang an, über Samantabhadra, Vajrasattva, die fünf Dyani Buddhas, und Garab Dorje, bis zum heutigen Tag.

Der Lehrer erfindet die Übertragung nicht. Der Lehrer folgt einer bestimmten Übertragung, der Lehrer ist mit dieser Übertragung verbunden, und dann verbindet der Lehrer uns damit. Das nennt man Übertragung.
Oster Retreat, Tashigar, Argentinien, 1999

Chögyal Namkhai Norbu über Beschränkungen

Wir haben viele Arten von Beschränkungen; manchmal, wenn wir uns ganz den Lehren widmen und das Gefühl haben, dass Dzogchen Belehrungen wirklich sehr wichtig und die letztendliche Essenz von allem sind, dann erschaffen wir uns gleich eine neue Beschränkung und bauen uns unsere kleine "Dzogchen-Burg", in der wir dann leben. Das ist auch der falsche Weg und eine Beschränkung. Daher ist es wichtig, dass die Lehren darauf ausgerichtet sind, so etwas zu erkennen.

Am besten ist es, wenn wir lernen und entschieden daran arbeiten, außerhalb oder jenseits von jeder Art von Beschränkung zu sein. Selbstverständlich leben wir in einer Gesellschaft, in der es Beschränkungen gibt. Es gibt vieles zu beachten und wir müssen uns an Beschränkungen halten. Aber das ist Teil unseres Gewahrseins. Womöglich sind wir nicht zu 100% davon überzeugt, dass diese und jene Beschränkung richtig ist. Wir wissen, es ist eine Beschränkung, aber wir müssen ihr Folge leisten und sie akzeptieren. Wenn wir uns beobachten, unseren Körper, unsere Sprache und unseren Geist, und dabei feststellen, dass wir sehr stark konditioniert sind, finden wir heraus, dass wir wie ein kleiner Vogel in einem Käfig sind. Wir leben und wachsen mit Beschränkungen auf. Wir leben in dieser Gesellschaft, die Gesellschaft hat Beschränkungen, Situationen mit Beschränkungen. Wenn wir das nicht lernen und befolgen, ist es unmöglich, in einer Gesellschaft zu leben.

Vielleicht habe ich Euch schon einmal von meiner Reise zu dem Treffen von Reinkarnationen in Varanasi erzählt. Als ich dort ankam, wusste ich als Gast zunächst nicht wohin. Es musste ja einen Schlafplatz für mich geben. Ich fragte einige Mönche und sie antworteten mir: “Ja, es gibt da ein Veranstaltungsbüro.” Als ich zu dem Büro kam, stellte sich heraus, dass es zur Gelugpa-Tradition gehörte, denn es gab dort viele Gelugpa-Mönche. Ich erzählte ihnen, dass ich als Gast aus Italien eingeladen worden war und fragte, wo ich untergebracht wäre. “Oh, das wissen wir nicht”. Sie fragten mich aber, welcher Tradition ich angehöre. “Das weiß ich wirklich nicht", antwortete ich, “ich sollte vielleicht der Tradition der Kagyüpa angehören, oder vielleicht der Nyingmapa-Tradition, wahrscheinlich einer von beiden.”

Sie gingen zum Kagyüpa Büro und dann zum Nyingmapa Büro und fanden schließlich heraus, dass ich der Nyingmapa-Tradition angehöre. Nachdem sie das herausgefunden hatten, bekam ich dann ein Haus zugewiesen, sowie Essen, Hilfe und alles, was ich brauchte. Warum? In Tibet, zur Zeit von Padmasambhava, gab es noch keine verschiedenen Schulen. Die Kagyüpa- und die Sakyapa-Schule etc. wurden erst später gegründet, davor wurde alles Nyingmapa genannt. Die Dzogchen-Lehren wurden hauptsächlich in der Nyingmapa-Tradition fortgesetzt und daher ordneten sie mich den Nyingmapas zu. Ich selbst bin mir aber nicht sicher, ob ich ein Nyingmapa bin oder nicht, denn ich habe den Namen einer Reinkarnation, die vom Gyalwa Karmapa anerkannt worden ist, und diese Reinkarnation gehört zu der Kagyüpa-Tradition. Daher dachte ich damals, vielleicht bin ich ein Kagyüpa.

Am nächsten Tag begannen wir unser Treffen. Jeder hatte ein Namensschildchen. Auf meinem Schildchen stand “Namkhai Norbu, Nyingmapa”. So traf ich dann Chime Rinpoche aus England, der meine Situation sehr gut kennt. Er sah auf mein Schildchen und fragte lachend: “Was ist passiert? Du bist doch Kagyüpa!” Ich antwortete lachend: “Ich bin unschuldig.”
The Mirror, Feb./März 2000